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Spiritistische Veröffentlichungen

Ist der Spiritismus die einzige und wahre Religion?

Münchner Spiritistische Studiengruppe Allan Kardec

Vortrag im Rahmen des
VI. Brüderlichen Treffens der Spiritistischen Gruppen Deutschlands
Bremen, 1.-2. September 2001

1 Einführung

Mein Vortrag hat den Titel: ,,Ist der Spiritismus die einzige und wahre Religion?`` Mit diesem Titel möchte ich ein Themengebiet anschneiden, das so alt ist wie die Begegnung zwischen den Menschen. Gleichzeitig hat das Thema nicht an Aktualität verloren und ist somit eingebettet in das Thema des Wochenendes.

Wie wir alle wissen, führten und führen Religionen schon etliche Kriege, weil sie meinen, sie sind die beste und einzige Religion und nur sie haben das Recht auf eine Verbreitung. Auch heute geschehen immer noch viele Diskriminierungen und Gewalttaten, um die Vormachtstellung einer bestimmten Religion hervorzuheben. Man denke hier an die Übergriffe von radikalen Moslems in Afghanistan an Buddhisten, an den jahrzehntelangen Streit um Israel, der gerade sehr brisant ist, und an den Schwelbrand von Katholiken und Protestanten in Irland. Die Liste der Gewalttaten und Unterdrückung ließe sich beliebig für alle religiösen Strömungen für Vergangenheit und Zukunft fortführen. Sogar vor unserer Türe müssen wir kehren: Nordamerikanische Anhänger von Allan Kardec kamen um die Jahrhundertwende zu dem Schluss, dass schwarze Menschen als minderwertig anzusehen sind. Warum? Weil in den Werken Allan Kardec nicht ausdrücklich schwarze Geistwesen die Lehre verbreiteten.

Doch möchte ich mich hier nicht mit den Untaten der Religionen aufhalten. Ich möchte mich aus religionsphilosophischer Sicht der Frage nähern, ob es eine einzige und wahre Religion gibt und ob diese vielleicht nicht sogar der Spiritismus ist.

Diese Frage ist eng damit verknüpft, wie man Religionen beurteilt. Das heißt, wie beurteile ich die eigene Religion und wie beurteile ich andere Religionen.

Eng damit verbunden sind für uns auch die Fragen, welche Stellung der Spiritismus hat, ob er sich als Religion ansieht und ob er die einzig vorherrschende Weltanschauung auf Erden sein will? Und damit verbunden auch Fragen auf persönlicher Ebene: Warum soll ich eine Lehre studieren, die doch schon so alt ist? Kann man ohne auch Allan Kardec seinen Weg finden? Was bringt mir diese Lehre eigentlich?

Zur Beantwortung dieser teils allgemein religiösen und speziell spiritistischen Fragen möchte ich im weiteren Verlauf des Vortrages in drei Schritten vorgehen.

2 Klassifikationsmodell

Im ersten Schritt werde ich Ihnen ein Modell vorstellen, das die Frage nach der besten Religion stellt, bzw. nach einer Beurteilung von Religionen und religiösen Standpunkten ein Klassifikationsmodell anbietet.

In einem zweiten Schritt werde ich den Spiritismus näher betrachten. Als dritten und abschließenden Schritt möchte ich Sie einladen Fragen zu stellen und je nach Zeitlage gemeinsam darüber zu diskutieren.

Ich werde Ihnen auch dazwischen Gelegenheit geben, inhaltliche Fragen zu stellen.

Ich komme somit zum ersten Schritt, einer Analyse ,,Wie ich Religiöse Strömungen beurteilen und vergleichen kann``.

Es gibt sehr unterschiedliche Arten, wie man Religionen beurteilen und einschätzen kann. Der Atheismus beurteilt alle religiösen Strömungen sehr einseitig, nämlich als eigentlich unnütz. Religionen sind unlogisch, Gewalt produzierend, Verdrängung, Volksverdummung. Der Atheismus ist demnach ungeeignet, Religionen zu beurteilen, da er keinerlei Differenzierungen der Religionen für eine Beurteilung trifft, wie gesagt, für ihn sind mehr oder minder alle Religionen schlecht.

Eine andere Methode für eine Beurteilung von Religionen wäre, die Gemeinsamkeiten aller religiösen Strömungen zu sammeln, um daraus eine Beurteilung ableiten zu können. Nahezu alle religiösen Strömungen sprechen zum Beispiel in irgendeiner Form von einem Leben nach dem Tod oder von Offenbarungserfahrungen. So eine Sammlung wäre zum einen in der Erstellung ein sehr mühseliger Weg, zum anderen bietet solch eine Liste -- falls sie jemals fertig werden könnte -- auch kein echtes Beurteilungswerkzeug, da sie ja nur auflistet, aber nicht differenziert. Sowohl Atheismus als auch das Sammeln von Gemeinsamkeiten ist also für eine Beurteilung von Religionen ungeeignet.

Seit den 80er Jahren hat sich in der Philosophie weltweit ein Modell durchgesetzt, mit Hilfe dessen es möglich wurde, Religionen sinnvoll zu beurteilen. Das Klassifikationsmodell des Exklusivismus, Inklusivismus und des Pluralismus.

2.1 Exklusivismus

Ich beginne mit der Klassifikation des Exklusivismus. Exklusive Religionen behaupten, bei ihnen alleine findet man die ganze religiöse Wahrheit, nur sie haben echte Offenbarung erfahren. Nur in ihr kann man glücklich werden, Heil erfahren, nur sie wurde von dem Höchstem alleine vorgesehen, um den Menschen auf den rechten Weg zu führen.

Erlauben Sie mir einen kleinen Vergleich mit der Waschmaschinenwerbung: Exklusivismus hieße demnach, es gebe nur eine exklusive Waschmaschine, die die Wäsche waschen kann, alle anderen funktionieren nicht, alle anderen waschen nicht.

Ein bekannter Spruch des Christentums, der in Variationen sowohl von katholischer Seite, als auch von protestantischer Seite den Exklusivismus auf den Punkt bringt, lautet: ,,Außerhalb der Kirche kein Heil``. (So verkündet beispielsweise das Konzil von Florenz 1442: ,,Die katholische Kirche glaubt fest, bekennt und verkündet, dass niemand außerhalb der Kirche, weder Heide noch Jude noch Ungläubiger, des ewigen Lebens teilhaftig wird, wenn er sich nicht vor dem Tod der Kirche anschließt``. Ähnlich formuliert 1529 Martin Luther in seinem Großen Katechismus: ,,Wo man nicht von Christus predigt, da ist kein Heiliger Geist, der die christliche Kirche macht und außerhalb derer niemand zu dem Herrn Christus kommen kann.``)

Ähnliche Beispiele finden sich auch im Hinduismus, im Buddhismus, im Islam, im Judentum und und und. Da den meisten von uns das Christentum am meisten vertraut ist, werde ich im folgenden überwiegend Beispiele aus Sicht des Christentums vortragen.

Unser Modell unterscheidet in der Position des Exklusivismus drei Varianten: Da wäre zunächst der radikale Exklusivismus zu nennen. Radikaler Exklusivismus heißt, dass alle, die nicht zum Christentum gehören, nie ganz erlöst werden, nie das Heil, das ewige Leben erfahren, wenn sie sich nicht ausschließlich zu ihrer Gemeinschaft bekennen. Das hieße also, nur unsere Waschmaschine kann waschen und die anderen funktionieren nicht.

Neben dem radikalen Exklusivismus findet sich der gemäßigte Exklusivismus.

Gemäßigter Exklusivismus meint, dass ein Nichtchrist wenn er z.B. das Christentum zeitlebens nicht kennengelernt hat -- sei es, weil er vor Christus lebte, oder aus einer Gegend kommt, in der er vom Christentum nichts erfahren konnte -- die Möglichkeit hat, sich im Jenseits zum Christentum zu bekennen. In so einem Bekennungsakt bei einer Begegnung mit Christus nach dem leiblichen Tode kann er doch noch das Heil erfahren.

Salopp ausgedrückt heißt das, dass er die Mitgliedskarte des Clubs noch im letzten Moment erhalten kann, oder noch salopper, dass zu guter letzt die einzig funktionierende Waschmaschine doch noch kaufen kann.

Ähnliche Vorstellungen eines nachtodlichen Zugehörigkeitsbekenntnisses finden sich unter anderem im Islam.

Als dritte und letzte Variante des Exklusivismus findet sich der unentschiedene Exklusivismus, der die Frage nach der Heilsmöglichkeit des ,,Nicht-zur-Gemeinschaft-Gehörigen`` offen lässt. Nach der Position des unentschiedenen Exklusivismus kann man sich nicht festlegen, ob außerhalb der eigenen Gemeinschaft Heil gefunden werden kann. Diese Frage kann nicht entschieden werden und deshalb erklärt man die Sache schlichtweg für nicht entscheidbar, für unentschieden. Das hieße, ,,bei uns findet man das komplette Clubprogramm, bei uns funktioniert die Waschmaschine, ob die anderen auch was anzubieten haben und ob das funktioniert, das können wir nicht sagen, dafür können wir auch nicht garantieren.``

Es gibt zwei schwerwiegende Einwände gegen den Exklusivismus.

Zunächst wäre da das Problem des allgemeinen Heilswillen Gottes, also: Gott hat alle Menschen lieb, will alle als seine Kinder heimführen, heil machen usw. Wenn Gott will, wie es z.B. im ersten Thimotheusbrief (1 Thim 2,4) genannt wird, ,,dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen``, wie lässt sich dann damit die Position vereinbaren, dass es außerhalb des Christentums keine Heilsmöglichkeit gibt? Sollte ein Gott, der das Heil aller Menschen will, dafür nicht auch die erforderlichen, allgemeinen, überall vorhandenen Voraussetzungen schaffen? Ist es wirklich logisch oder liebevoll, in einer einzigen religiösen Gemeinschaft das Heil zu ermöglichen?

Ein zweiter, gewichtiger Einwand ist, dass in allen Religionen auf viele gemeinsame Parallelen zu treffen sind. Vereinfacht gesagt wird Gott im Hinduismus ,,Das Viele``, im Islam ,,Allah``, im Taoismus ,,Der Weg`` genannt und meint immer dieselbe Realität. Neben aller Unterschiedlichkeit finden sich oft überraschende Übereinstimmungen, gerade dann, wenn man ein bisschen hinter die Bilder und Symbole schaut und erkennt, hier ist genau dasselbe gemeint. Der Spiritismus ist ja gerade hier ein sehr wertvolles Werkzeug.

Hat die Liebe Gottes nicht viele Gesichter, viele Kleider, viele Strahlen? Gegner argumentieren hier gerne, dass diese Parallelen geschickte Schachzüge des Satans seien, also Teufelszeug, um die Menschen zu verwirren. Ein Vorwurf, der auch dem Spiritismus seit langem bekanntermaßen gemacht wird. Weiter wird dagegen argumentiert, dass diese Parallelen Projektionen, Prüfungen oder Vorstufen des wahren Glaubens sind. Ich will diese Argumente nicht näher kommentieren und lade sie ein, diese Argumente selbst zu beurteilen.

2.2 Inklusivismus

Ich komme nun zur zweiten Klassifikation unseres Modells zur Beurteilung von Religionen, zur Position des Inklusivismus. Aufgrund der Schwächen des Exklusivismus sind viele religiöse Gemeinschaften und Weltreligionen mittlerweile zur inklusivistischen Position übergegangen. So z.B. in der römisch-katholischen Kirche, in der der Inklusivismus seit dem II. Vatikanischen Konzil, also seit den 60er Jahren, die offizielle Haltung des Lehramtes darstellt. Diese Position hat eigentlich nichts Neues an sich, man trifft sie bereits bei Justin im 2. Jahrhundert.

Was ist nun die Position des Inklusivismus? Inklusivismus auf das Christentum angewandt, hieße, es gibt nicht mehr nur die eine christliche Heilsmöglichkeit für die Menschen, auch in anderen Religionen finden sich heilsame Spuren, die im Sinne von Jesus Christus sind. Aber nur in Jesus Christus findet sich die göttliche Offenbarung als unüberbietbarer und vor allem kompletter Höhepunkt wieder.

Um auf die Waschmaschinenwerbung zurück zu kommen, hieße das: Nur unsere Waschmaschine ist vollständig, nur sie ist mit allen Programmen und Schleudergängen ausgestattet. Wohl gibt es andere Waschmaschinen und manche davon können wohl auch Wäsche waschen, allerdings nicht so gut und vor allem nicht so vollständig, nicht so allumfassend, nicht so glücklich und letztendlich nicht so heil machend wie unsere. Nur unsere Religion ist vollständig, inklusive allem, all inclusive, Inklusivismus...

Ziel dieser Haltung ist es tatsächlich, alle Nichtchristen zum Christentum zu bekehren.

Auch hier gibt es Schwierigkeiten. Die erste Schwierigkeit taucht auf, wenn man nach Beweisen sucht, dass das Christentum tatsächlich den anderen überlegen ist, also wirklich mehr Glück, Heil, Freude und im weitesten Sinne Liebe ermöglicht. Ist das so? Gibt es hierfür empirische Belege?

Nebenbei heißt es im ersten Johannesbrief (1 Joh 4,7) : ,,Jeder der liebt, stammt von Gott und erkennt Gott.``

Es ist außerdem bekannt, dass auch andere Religionen Liebe zu Gott, Selbstlosigkeit, Nächstenliebe, inneren Frieden und ähnliches als Orientierungseigenschaften preisen und anpreisen.

Ein weiteres Problem ist die Einschätzung der religiösen Vielfalt. Kann man der Ausübung der Liebe zu Gott, zu dem Höchsten und den daraus entstehenden Gemeinschaften, Werken, Entwicklungen und Moralitäten wirklich nur eine Form zubilligen?

Sicherlich, ,,Liebe-im-Sinne-Gottes`` (ganz allgemein gesprochen) gibt es nur eine, kann es nur eine geben, es gibt nur eine Wahrheit. Aber gibt es deshalb auch nur eine Form der Verwirklichung? Sind wir alle nicht viel zu unterschiedlich und kommen aus zu verschiedenen Traditionen um alle dieselben Schritte zu gehen? Ist das nicht auch ein bisschen anmaßend, gar arrogant, allen Menschen eine Weggemeinschaft vorzuschreiben? Sind denn die Weltreligionen und die religiösen Gemeinschaften nicht einfach unterschiedliche Schritte, unterschiedliche Gesichter mit unterschiedlichen Geschichten auf demselben Weg der Liebe? Erhöht nicht die Vielfalt den Wert des Guten und erniedrigt sie nicht? Wie ist das eigentlich mit der Entscheidungs- und Willensfreiheit in punkto einer einzigen Religionsausübung?

2.3 Pluralismus

Ich lasse diese Fragen vorerst offen und möchte einen Schritt weitergehen, zum dritten und letzten Klassifikationsschemata, das des Pluralismus. Dieser Standpunkt findet sich in der religionsphilosophischen Forschung im angelsächsischen Raum, ein sehr bekannter Vertreter ist hier John Hick, im deutschsprachigen Raum wäre Paul Tillich zu nennen. In der Geschichte der Weltreligionen finden sich zum Pluralismus nur sehr wenige Ansätze, z.B. bei den Nestorianern in China, bei einigen östlichen und westlichen Mystikern und beim Spritismus. Interessanterweise hielt der Pluralismus durch einige Gruppierungen des angelsächsischen Spiritualismus in die philosophische Forschung Einzug.

Was ist nun Pluralismus? Die pluralistische Position macht mit dem Gedanken ernst, dass es wahre Religion in pluraler Gestalt geben kann und tatsächlich gibt. Das Verständnis um eine Pluralität schließt also bewusst Begriffe wie ,,Gleichwertigkeit`` oder ,,ungefähre Gleichwertigkeit`` in ihre Beurteilung mit ein.

John Hick formuliert das für das Christentum so:

,,Die großen Weltreligionen sind unterschiedliche Antworten auf das Wirkliche oder Unbedingte. Es gibt eine Vielfalt von göttlichen Offenbarungen, die eine Vielfalt von menschlichen Antworten ermöglicht.``

Vergleicht man John Hicks Worte wieder mit unserer Waschmaschinenwerbung, dann könnte man im Sinne des Pluralismus sagen, es gibt mehrere gleichwertige Waschmaschinen, die das ganze Programm zum Waschen, also zum Glücklichwerden im Sinne der Liebe ermöglichen. Trotz aller Unterschiedlichkeiten der Modelle, der Größe, der Farbe und des Produktionsdatums bieten alle die Möglichkeit an, sich im Sinne der Liebe Gott zu nähern. Das heißt nicht, dass jede Waschmaschine das ermöglicht. Viele werden nicht funktionieren, sei es aus plumper Geldmacherei, aus bösartigem Machtstreben heraus oder einfach, weil sie die Prinzipien der Liebe nicht richtig verstanden haben. Wenn man an Organisationen wie Scientology oder manch andere radikale pseudoreligiöse Vereinigungen denkt, dann kann und will man hier sicherlich keine Gleichwertigkeit zugestehen. Das gilt auch für viele Lehrmeinungen und einzelne Meinungsträger innerhalb der Weltreligionen. Ich betone nochmals, dass im Sinne des Pluralismus also nicht jede religiöse Meinung oder Vereinigung als gleichwertig zu sehen ist. Gradmesser ist hier sehr vereinfacht und ganz allgemein ausgedrückt ,,Liebe``.

Ein weiteres Problem stellt sich darin, dass viele religiöse Gemeinschaften von vornherein behaupten, nur sie hätten wahrhafte Erkenntnisse. Aber dass religiöse Aussagen oft unterschiedlich interpretierbar sind, ist eine Erfahrung, die wir alle kennen. Oft zeugt, wie schon angedeutet, die eine Wahrheit der Liebe mit vielen Gesichtern, Symbolen, Handlungen und Gleichnissen von sich. Was unaussprechbar ist und trotzdem in Worte gefasst wird, sieht auf den ersten Blick oft gänzlich anders aus. Dennoch sind die Gesetze Gottes für alle Menschen gültig. Der Spiritismus betont ebenfalls, dass seine Tatsachen und Prinzipien bis ins Altertum zurückreichen und sich davon Spuren bei allen Völkern und Religionen finden, da sie Naturgesetze sind.

Aus christlicher und spiritistischer Sicht bleibt noch ein Problem. Welche Stellung hat nun Christus eigentlich, wenn er als ebenbürtig neben großen anderen religiösen Vorbildern steht?

Auch diese Antwort ist ganz einfach, wenn man sich auf folgenden Gedanken einlässt. Wir Spiritisten gehen davon aus, das wir uns unaufhörlich vorwärts, hin zu Jesus entwickeln. Durch viele Lernschritte und Erfahrungen (hier und drüben) werden wir eines Tages so sein wie Jesus. Dadurch, dass alle Menschen den göttlichen Funken, das Abbild Gottes, das ,,imago dei``, den unsterblichen Anteil in sich tragen, sind wir alle bereits Jesus als Potential ganz ähnlich, nur eben noch lange nicht so weit, so reif entwickelt. Die Menschen anderer religiöser Gemeinschaften haben natürlich auch den unsterblichen göttlichen Anteil in sich. Sie sind also auch auf dem Weg zur Christuswerdung, nur nennen sie dasselbe Entwicklungsideal eben nicht so.

Bleibt also zusammenfassend für den Pluralismus zu sagen, dass religiöse Gemeinschaften unter bestimmten Gesichtspunkten im Vergleich als gleichwertig angesehen werden können. Religiöse Erfahrungen dürfen, ja müssen unterschiedlich sein. Auf den zweiten Blick gibt es unendlich viele Gemeinsamkeiten der einen Wahrheit, wie das Jesusbeispiel gerade aufzeigen wollte.

Bleibt hier noch zu klären, warum man sich dann überhaupt einer religiösen Gemeinschaft anschließen sollte, bzw. warum sich denn auch ausgerechnet dem Spiritismus anschließen? Warum sollte ich mir nicht aus allen Teilen für mich das Beste ziehen, wenn sowieso alle irgendwie ähnliches sagen? Das ist nicht mit Pluralismus gemeint.

Ich möchte auch hier wieder einen kleinen Vergleich anstellen, nun aus dem Bereich der Musik. Wenn ich Musik und die Liebe Gottes bildlich vergleiche, kann ich sagen, für alle Menschen ist es gleich erfahrbar, es ist einfach da. Musik ist Musik, Liebe ist Liebe, für alle Menschen gleich. Aber habe ich nicht bestimmte Vorlieben, bestimmte Vorerfahrungen? Ich habe sicherlich auch das Recht, mir mein Instrument auszusuchen, auf dem ich bestmöglichst lernen kann, für das ich die besten Lehrerinnen und Lehrer, also die für mich am besten geeigneten diesseitigen und geistigen Helfer finden kann und vor allem glücklich werden kann. Richtig vertieft kann ich in einem Leben auch nur ein Instrument wirklich sehr gut spielen lernen und viel Fortschritte und Freude gleichzeitig in einem Orchester erleben dürfen.

3 Klassifikation des Spiritismus nach dem Modell

Ich komme nun zum zweiten Schritt und betrachte das Modell eingehender im Hinblick auf den Spiritismus. Zurückkommend auf den Titel des Vortrages ,,Ist der Spiritismus die einzige und wahre Religion?`` ist zunächst zu sagen, dass der Spiritismus keine Religion ist. Der Spiritismus nach Allan Kardec besteht aus Mitteilungen, Antworten und Belehrungen von hohen Geistwesen, die Fragen hinsichtlich des Menschen betreffen. Diese wurden gesammelt und geordnet. Der Spiritismus ist, wie Sie sicherlich alle wissen, eine Lehre mit drei Seiten: Experimentalwissenschaft, Philosophie und Moralität. Der Spiritismus gründet auf das Dasein und die Kommunikation mit Geistwesen. Er hat diese Kommunikation weder erfunden, noch entdeckt. Er hat Gesetzmäßigkeiten festgehalten, die seit Beginn der Menschheit existieren und die in vielen religiösen Gemeinschaften gestern und heute praktiziert werden. Der Spiritismus will also keine exklusive Position einnehmen. Er will keinen Exklusivismus. Er beansprucht nicht, dass nur durch ihn das Heil erfahren werden kann, dass nur durch ihn die Welt sich zum Guten wendet. Man zürnt auch niemandem der anderer Meinung ist.

Was nun die religiösen und inhaltlichen Aspekte betrifft, möchte ich Allan Kardec selbst sprechen lassen, ich zitiere aus ,,Der Spiritismus in seinem einfachsten Ausdruck``:

,,Was den religiösen Gesichtspunkt anbetrifft, so hat der Spiritismus die Grundwahrheiten aller Religionen zur Basis: Gott, die Seele, die Unsterblichkeit, die künftigen Strafen und Belohnungen; aber er ist unabhängig von jedem besonderen Kultus.``

Erste Anmerkung: Hier löst sich der Spiritismus auch vom Inklusivismus. Man beansprucht nicht eine eigene oder gar vollständigere Wahrheit. Weiter Kardec:

,,Als Glaube an die Geister gehört er ebenfalls allen Religionen sowie allen Völkern an, da überall, wo es Menschen gibt, es auch Seele und Geister gibt und Offenbarungen sich in allen Religionen ohne Ausnahme vorfindet.``

Zweite Anmerkung: Mit dem Satz ,,Er gehört allen Religionen an...`` nimmt der Spiritismus nun Anteil am Gedanken der ,,Gleichwertigkeit``, am Gedanken des Pluralismus. Weiter heißt es,

,,man kann demnach griechisch- oder römisch- katholisch, Protestant, Jude oder Moslem sein und dennoch an die Offenbarungen Geister glauben und folglich ein Spiritist sein.``

Der Spiritismus hat Anhänger in allen Religionen. In allen Erdteilen, bei allen Menschen und bei allen religiösen Strömungen kann mittels der inneren Stimme, dem Daimonion (Sokrates/Platon), in Träumen und mit allen anderen spiritistischen Kommunikationsmöglichkeiten mit den Geistwesen kommuniziert werden. Die Interpretation der Mitteilungen ist oft eine Frage der Bewusstheit, der unbewussten Auslegung, des Wissens und der Erfahrung des jeweiligen Empfängers.

Der Spiritismus ist bewusst christlich. Erinnern Sie sich bitte an den Vergleich mit dem Erlernen von Musik. Der Spiritismus sieht in der Moral von Christi, in seiner Auslegung der Liebe eine sehr reine Form und will eben dieses Instrument spielen, um mit viel Freude spielen zu können. Wie gesagt, mit dem Vergleich des Christus, den wir alle in uns entwickeln, ist diese Form auch legitim und verletzt nicht andere wertvolle religiöse Erkenntnisse oder den Gedanken des Pluralismus.

Es ist wahr, der Spiritismus bekämpft gewisse Glaubenspunkte und zwar diejenigen, die nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmen wie z.B. die Ewigkeit der Strafen, oder die von der Persönlichkeit des Teufels. Es geht allerdings nicht nur um Irrlehren, der Spiritismus möchte auch einschreiten, wenn Glaube zur Gewalt, Unterdrückung und Macht benutzt wird. Kardec meint hierzu: ,,Wenn Glaube zum Instrument der Verfolgung wird, muss er als schädlich bekämpft werden.`` Das heißt aber auch positiv gesehen für alle Religionen, ,,wenn der Spiritismus durch eine rationelle Auslegung dieser und gewisser anderer Dogmen die Verirrten zum Glauben zurückführt, leistet er nicht der Religion einen Dienst?`` Pluralismus heißt ja auch, die extremen religiösen Strömungen sind nicht als gleichwertig anzusehen.

Der Spiritismus gleicht in seinem Charakter mehr einer Wissenschaft (Naturwissenschaft durch Experimente und Geisteswissenschaft, Kern jeder Wissenschaft überhaupt durch Philosophie) als einer Religion, er stellt keine Dogmen auf.

Für die Geister ist eine religiöse Formel nichts, für sie zählt nur die Gesinnung im Sinne der Liebe.

Auf die Frage des Geistlichen Abbé ,,Welche Religion ist die beste?`` in dem Werk ,,Was ist der Spiritismus`` antwortet Kardec: Die Geister ,,beschränken sich darauf, zu sagen: Gott ist gütig und gerecht, er will nur das Gute. Daher ist die beste von allen Religionen die, welche nur das lehrt, was mit der Güte und Gerechtigkeit Gottes im Einklange steht, welche den Menschen gut und tugendhaft macht, sich untereinander wie Brüder zu lieben. Keine Religion kann der Vorwand zu irgend etwas Bösem sein! So sagen die Geistwesen auch nicht 'Außerhalb des Spiritismus kein Heil' sondern 'Außerhalb der Nächstenliebe kein Heil'``.

Ich denke, man kann hier Lehren wie Schamanismus, Anthroposophie und Spiritualismus somit differenzierter und in gewisser Hinsicht pluraler sehen. Diese Lehren stehen uns sehr nahe. Diese Lehren sind natürlich sehr unterschiedlich und sicherlich gibt es hier auch viel Scharlatane. Es darf allerdings nicht übersehen werden, dass ernsthafte Vertreter und Gruppierungen der genannten Lehren liebevoll mit hohen Ebenen der geistigen Welt kommunizieren, eben auf ihre Art und doch sehr deutlich.

Rudolf Steiner, der Begründer der Anthroposophie spricht in seinem Vortrag ,,Die Geschichte des Spiritismus`` vom 30. Mai 1904 von Allan Kardec äußerst gleichwertig. Er nennt den Spiritismus als, ich zitiere: ,,im Einklang stehend mit den uralten Weisheitslehren der Theosophie``. Das ist reiner Pluralismus, ausgehend von der Theosophie gegenüber dem Spiritismus.

Auch Schamanische Richtungen, die ja quer über den ganzen Erdball verteilt sind und oft unterschiedlichste Ausprägungen haben, kommunizieren seit vielen tausend Jahren mit Geistwesen, die sie meist interpretierend in Tiergestalt sehen. Auch hier gibt es viele Beispiele von Lehren an reinster Liebe, die dem Spiritismus ebenbürtig sind.

Auch im Spiritualismus gibt es viel Ebenbürtiges und Geschwisterliches, was ich hier nicht vertiefen kann.

Ich persönlich halte es für äußerst wichtig, neben dem Spiritismus auch andere religiöse Richtungen kennenzulernen und anzusehen. Der Spiritismus will gerade unseren Ideenkreis erweitern und uns tiefer in die Gesetze der Natur einführen. Da kann eine Horizonterweiterung nicht schaden, ja geradezu nützlich sein und vor allem Freude bringen, ohne dass man gleich seiner Linie, seiner Waschmaschine untreu wird.

Zusammenfassend heißt das, der Spiritismus sieht sich nicht als Religion, nicht als System, nicht als Theorie, sondern fußend auf dem allgemeinen Naturgesetz. Er will dem Menschen bestmöglichst helfen, sich auf dem Weg der Liebe zu entwickeln. Er will sich nicht aufdrängen, denn eine erzwungene Überzeugung ist laut Kardec ,,ein Unding``. Im Gegenteil, die Geistwesen und Kardec befürworten eine ernsthafte Prüfung dieser Lehre, alle ehrlichen Zweifel sind erlaubt. Denn alles darin harmoniert mit der Vernunft.

Auf die Frage, ob man auch ohne Spiritismus glücklich werden kann, antwortet Kardec mit ,,Einverstanden!``

Am Rande bemerkt denke ich auch, dass der Spiritismus für viele Menschen gänzlich ungeeignet wäre. Er ist in seiner Deutlichkeit oft wie Starkstrom. Daran könnten manche unserer Schwestern und Brüder zugrunde gehen.

Die Liebe ist in jeglicher Begegnung mit anderen und mir selbst der Gradmesser. So möchte ich abschließend noch den Vergleich mit der Musik auf den Spiritismus weiter ausbauen. Selbst wenn ich mein Instrument nahezu perfekt beherrsche, also der ,,beste`` Spiritist der Welt bin, aber mir kommt die Liebe abhanden, war alles umsonst. So sagt auch Paulus im Hohelied der Liebe (1 Kor 13):

,,Und wenn ich prophetisch reden könnte und alle Geheimnisse wüsste und alle Erkenntnis hätte; wenn ich alle Glaubenskraft besäße und Berge damit versetzen könnte, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich nichts.``

Zum Schluss will ich mir die ehrliche Frage stellen, warum bin ich eigentlich Spiritist. Vor allem weil ich viel Liebe und Freude darin erfahre.

Liebe und Freude, zwei einfache Wörter, die unendliche Dimensionen eröffnen.

Das wünsche ich jedem, der in einer religiösen Gemeinschaft lebt.

Vereinigung der Deutschen Spiritistischen Gruppen
Copyright©2005 VDSG